Stunde der Gartenvögel in Bielefeld:                        Ergebnisse 2006 bis 2020

Zielsetzung, Material, Methode

 Seit 2005 ruft der NABU am zweiten Maiwochenende bundesweit zur Zählung der Gartenvögel im menschlichen Siedlungsraum über jeweils eine Stunde auf („Stunde der Gartenvögel“). Zählpunkte können z.B. Gärten, Balkons, Fenster oder Stadtparks sein. Ziel ist es, eine möglichst genaue Momentaufnahme des Brutbestandes im Siedlungsbereich und Aufschluss über dessen Veränderung im Laufe der Jahre zu erhalten. Der NABU-Bundes-verband hat einen ausführlichen Ergebnisbericht über „15 Jahre Vogelzählung und Citizen Science im NABU“ veröffentlicht; dieser Bericht enthält eine Darstellung der Methode und der Datenqualität, eine eingehende Fehlerdiskussion sowie viele weitergehende Auswertungen, u.a. auch zu den bundesweiten Wintervogelzählungen. Die Zähldaten für alle Landkreise bzw. kreisfreien Städte ab 2006 sind verfügbar unter https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/stunde-der-gartenvoegel/ergebnisse/15767.html.

 

Diese im Internet verfügbaren Daten werden nachfolgend für die Stadt Bielefeld ausgewertet. Dabei ist zu beachten, dass lediglich die jeweiligen Jahressummen veröffentlicht wurden, keine Einzeldaten von Beobachter*innen oder genauen Örtlichkeiten. Statistische Prüfungen oder Fehlerkorrekturen, wie sie in der Studie „15 Jahre Vogelzählung…“ vorgenommen wurden, waren damit nicht möglich. Der auf Bielefeld beschränkte Datensatz ist natürlich weitaus kleiner als der bundesweite, sodass Trends weniger deutlich bzw. statistisch abgesichert sind oder sogar von bundesweiten Trends abweichen können.

 

Bei vielen Arten fallen in den nachfolgenden Trendgrafiken starke Schwankungen in den ersten Jahren der Zählaktion auf. Das dürfte mit den geringeren Teilnehmerzahlen und mit der dadurch kleineren Stichprobengröße zusammenhängen, bei der Einzelbeobachtungen schnell zu Ausreißern führen können. Die Trendbetrachtungen konzentrieren sich deshalb überwiegend auf die letzten 11 Jahre, also den Zeitraum ab etwa 2010. Erst seit 2010 veröffentlicht der NABU zu jeder Art neben „Rang“ und „Anzahl“ (Individuensumme jeder Art pro Stadt/Kreis) zusätzlich auch die Kennzahlen „% der Gärten“ (in denen die jeweilige Art beobachtet wurde) und „Vögel pro Garten“ (Individuenzahl als Mittelwert), mit denen weitere Vergleiche angestellt werden können. Die Berechnung der weitverbreitetsten Bielefelder Gartenvögel basiert ebenfalls auf den Beobachtungen ab 2010.

 

Vergleichszahlen: Dieser mittelfristige Betrachtungszeitraum (ca. 11 Jahre) lässt sich grob mit dem 12-Jahres-Trend beim Brutvogelmonitoring des DDA (Dachverband Deutscher Avifaunisten e.V.) für Deutschland insgesamt vergleichen (Gerlach, B., R. Dröschmeister, T. Langgemach et al. 2019: Vögel in Deutschland – Übersichten zur Bestandssituation). Auf die Teilmenge der DDA-Daten zum „Monitoring häufiger Brutvögel“ speziell für den Siedlungsbereich nimmt auch der NABU in seinem Bericht „15 Jahre Vogelzählung…“ Bezug. Da bei den Bielefelder Ergebnissen für zahlreiche Arten deutliche Rückgänge in den vergangenen 5 Jahre ab etwa 2015 auffallen, wird dieser „kurzfristige“ Zeitraum nachfolgend besonders hervorgehoben; hierfür stehen noch keine veröffentlichten Vergleichszahlen zur Verfügung. Zu betonen ist, dass die Zählungen im Siedlungsraum erfolgen, also nicht auf Arten der Feldflur, Gewässer oder Wälder übertragen werden können.

 

Stunde der Gartenvögel: Ergebnisse aus Bielefeld

Ebenso wie die jüngere Schwesteraktion „Stunde der Wintervögel“ (seit 2011) findet die „Stunde der Gartenvögel“ viel und wachsenden Zuspruch, wenn auch nicht ganz so stark wie die Winteraktion, bei der auch weniger versierte Anfänger z.B. an der Vogelfütterung leichter mitmachen können. Immerhin zählten im Mai 2020 in Bielefeld (vgl. Grafik 1 und 2) 791 Beobachter*innen in 555 Gärten fast genau 14.000 Vögel (Winteraktion 2021: 1.078 Teilnehmer*innen, 773 Orte, knapp 22.000 Vögel). Bundesweit zählten 2020 über 160.000 Vogelfreunde in fast 198.000 Gärten. Auf dieser umfangreichen Zahlenbasis lassen sich repräsentative Entwicklungen erkennen, wie der 15-Jahres-Bericht eindrucksvoll zeigt.

 

2020 wurden in Bielefeld 82 Arten gemeldet, über alle Jahre waren es insgesamt knapp 100 (Exoten und wahrscheinliche Fehlbestimmungen nicht mitgezählt), im Durchschnitt aller 15 Jahre 63 Arten.

 

Die in Bielefelder Gärten am weitesten verbreiteten 53 Vogelarten zeigt Grafik 3, in der nach absteigender Stetigkeit alle Arten aufgeführt sind, die an mehr als 2% der Zählpunkte („Gärten“) gesehen wurden. Amsel, Kohl- und Blaumeise sowie Elstern gibt es an mindestens 3 von 4 Bielefelder Zählpunkten im Siedlungsbereich; Ringeltaube, Rotkehlchen, Haussperling und Buchfink an mindestens jedem zweiten Zählpunkt.

 

Grafik 4 zeigt die Häufigkeiten der Gartenvogelarten, die mindestens 0,2% der Gesamtzahl aller von 2006 bis 2020 beobachteter Gartenvögel (n=55.504) erreichen. Diese 47 Arten sind nach absteigender Häufigkeit (Rangzahl) als Prozentsumme aufgetragen. Daran lässt sich ablesen, dass die drei häufigsten Arten (Amsel, Haussperling, Kohlmeise) bereits ein Drittel aller Individuen stellen (dies deckt sich mit dem bundesweiten Ergebnis), und die 6 häufigsten Arten (zusätzlich: Blaumeise, Elster, Ringeltaube) bereits die Hälfte. Deutlich höhere Ränge als bundesweit belegen u.a. Ringeltaube, Dohle, Gimpel, Heckenbraunelle, Bunt- und Grünspecht. Wesentlich tiefere Ränge erreichen Star, Feldsperling, Mehl- und Rauchschwalbe, Hausrotschwanz, Bachstelze, Gartenrotschwanz, Stieglitz, Girlitz, Bluthänfling und Wacholderdrossel.

 

Die Zahl der durchschnittlichen Vogelindividuen pro Garten nimmt in Bielefeld ab, wobei der Rückgang erst ab 2012 statistisch signifikant ist – wohl aufgrund der oben erwähnten starken Anfangsschwankungen (Grafik 5). Der Rückgang seit 2012 beträgt im Mittel gut 1,3 Individuen pro Jahr, also jährlich etwa 3,6% des Ausgangswertes von 2012. Bundesweit sind hingegen sowohl die Arten- als auch die Individuenzahlen pro Garten von 2006 bis 2018 ausgesprochen stabil.

Grafiken 1 bis 5: Anzahl der Teilnehmer, Zählpunkte, Gesamtzahlen der beobachteten Arten und Individuen, die 53 weitverbreitetsten und die 47 häufigsten Gartenvogelarten in Bielefeld sowie die durchschnittliche Individuenzahl pro Garten (Hinweis: die lineare Trendlinie aus MS-Excel bezieht sich auf den gesamten Zeitraum 2006 bis 2020 und entspricht nicht der Regressionsgeraden). Zum Vergrößern anklicken!

 

Hinweise auf Bestandstrends in Bielefelder Gärten

Zum Vergleich der Jahresergebnisse untereinander wird im Folgenden der Kennwert „Vogelindividuen pro Garten“ für die jeweiligen Arten dargestellt. Zu beachten ist dabei, dass mit den zur Verfügung stehenden Bielefelder Daten allenfalls Trends gezeigt werden können und keine statistisch abgesicherten Entwicklungen, und dass daher eine entsprechend vorsichtige Interpretation angezeigt ist. Je länger die Zählungen fortgeführt werden und je mehr Beobachter*innen sich daran beteiligen, umso aussagekräftiger werden die Ergebnisse zukünftig sein! Aufgrund der größeren Stichproben besser abgesichert sind die bundesweiten Ergebnisse im oben genannten 15-Jahres-Bericht des NABU, auf die hier lediglich verwiesen wird.

 

Es zeigen sich teils erhebliche Schwankungen, die nicht alle im Einzelnen erklärt werden können. Einflussfaktoren sind neben der Stichprobengröße und der Witterung an den Zählwochenenden (unterschiedliche Beobachtungsbedingungen) sicherlich auch reale Bestandsveränderungen, für die Bruterfolge bzw. Misserfolge im Vorjahr sowie Einflüsse während des Vogelzugs und im Winterquartier verantwortlich sein können. Solche Einflüsse können vom Wetter und von Klimaveränderungen abhängen, aber auch von Nachstellungen und Veränderungen des Lebensraums und des Nahrungsangebotes durch menschliche Aktivitäten.

 

Die Veränderungen verlaufen meist nicht stetig, sondern zeigen Phasen mit unterschiedlichen Zu- und Abnahmen. Auffällig ist, dass zwischen 2012 und 2016 oftmals höhere Werte erreicht werden als in der Zeit davor und danach (vgl. die Durchschnittswerte in Grafik 5). Diese Phasen spiegeln sich bei etlichen Arten in Zu- und Abnahmen wider, die insgesamt kein einheitliches Bild ergeben. Nachfolgend werden daher die Arten gruppiert, deren mittel- und kurzfristige Trends jeweils ähnlich verlaufen, wobei die ersten Jahre bis 2009 aufgrund der größeren Unsicherheiten weniger gewichtet werden.

 

Grafik 6 zeigt Arten mit mehr oder weniger deutlich steigendem Trend über die gesamten 15 Jahre: Ringeltaube, Bunt- und Grünspecht, Kolkrabe, Star, Rotkehlchen, Heckenbraunelle und Stieglitz. Nur bei den kursiv gesetzten Arten deckt sich dies mit dem Trend der bundesweiten „Stunde der Gartenvögel“; bei Rotkehlchen, Heckenbraunelle und Stieglitz ist der Bundestrend stabil, beim Star dagegen rückläufig. Allerdings schwanken die Bielefelder Starendaten sehr stark (vermutlich auch witterungsbedingt), sodass ein Gesamttrend undeutlich bleibt. Dem Star ist im „15-Jahres-Bericht“ ein eigenes Kapitel gewidmet; auch hier weichen die gesamtdeutschen Starendaten von den Siedlungsdaten ab. Denkbar ist, dass sich die Trends im Siedlungsraum und in der freien Landschaft unterscheiden, möglicherweise aufgrund des starken Grünlandverlustes in den letzten Jahren und Jahrzehnten.

 

In den Grafiken 7 und 8 sind Arten mit weitgehend ungerichtetem Trend zusammengefasst, wobei auch hier teils starke Schwankungen eine Beurteilung erschweren: Mäusebussard, Straßen- und Türkentaube, Raben- und Saatkrähe, Dohle, Rauchschwalbe, Kleiber, Gartenbaumläufer und Gartengrasmücke. Die kursiv gesetzten Arten decken sich wiederum mit dem Bundestrend der „Stunde der Gartenvögel“, welcher hingegen bei Kleiber und Dohle positiv (also zunehmend) ist. Der DDA-Bericht für Gesamtdeutschland weist für Saat- und Rabenkrähe Zunahmen und für den Mäusebussard Abnahmen über 12 Jahre aus (2004-2016).

 Grafiken 6 bis 8: Gartenvögel in Bielefeld mit steigenden oder ungerichtet schwankenden Trends. Zum Vergrößern anklicken!

 

Die Mehrzahl der Bielefelder Gartenvogelarten zeigt Rückgänge, entweder über den mittelfristigen 11-Jahres-Zeitraum oder kurzfristig über die letzten 5 Jahre. Über den Verlauf von ca. 10 Jahren mittelfristig fallende Trends (Grafiken 9 bis 11) zeigen 16 Arten: Graureiher, Stockente, Fasan, Wacholder- und Singdrossel, Blau- und Schwanzmeise, Bachstelze, Mönchsgrasmücke, Zilpzalp (wenn auch nur schwach), Hausrotschwanz, Haussperling, Buch- und Grünfink, Girlitz, Bluthänfling. Nur bei 5 Arten deckt sich dies mit dem Bundestrend der Gartenvögel (kursiv); die meisten anderen Arten sind bundesweit stabil, während der Haussperling zunimmt. Abwärtstrends bestätigen die DDA-Daten (12-Jahres-Trend) für den Graureiher, stabile Bestände für die Stockente; beides sind jedoch keine typischen Gartenvögel.

 

In den letzten ca. 5 Jahren kurzfristig fallende Trends in Bielefeld fassen die Grafiken 12 und 13 für folgende 14 Arten zusammen: Mauersegler, Eichelhäher, Elster, Tannen-, Hauben-, Sumpf- und Kohlmeise, Mehlschwalbe, Zaunkönig, Amsel, Feldsperling, Kernbeißer, Gimpel und Goldammer. Vermutlich aufgrund der abweichenden Vergleichszeiträume zeigen sich hier nur vier Übereinstimmungen mit bundesweiten Entwicklungen bei den Gartenvögeln (kursive Artnamen). Hingegen werden dort stabile Trends angezeigt für Elster, Kohl- und Tannenmeise, und Zunahmen für Eichelhäher, Hauben- und Sumpfmeise, Feldsperling, Kernbeißer, Gimpel und Goldammer.

Grafiken 9 bis 13: Gartenvögel in Bielefeld mit kurz- und mittelfristig fallenden Trends. Zum Vergrößern anklicken!

 

Übereinstimmung mit Vergleichsdatensätzen

Von 48 Arten, für die ein Bielefelder Trend geschätzt wurde, gab es bei 27 Arten Übereinstimmungen mit mindestens einer Trendangabe der bundesweiten Gartenvogelzählung 2006-2018 oder des DDA-Monitorings häufiger Brutvogelarten im Siedlungsbereich 2007-2015 oder der DDA-Übersicht zur bundesweiten Bestandssituation 2004-2016.

 

Allerdings stimmten nur bei zwei Arten (Straßentaube: stabil, Girlitz: fallend) tatsächlich sämtliche vier Datensätze überein; bei weiteren 13 Arten kamen immerhin zwei der Vergleichsuntersuchungen zum selben Ergebnis wie Bielefeld (Ringeltaube, Grünfink, Buntspecht, Mauersegler, Türkentaube, Dohle, Grünspecht, Mehlschwalbe, Gartenbaumläufer, Rauchschwalbe, Kolkrabe, Bluthänfling). Bei 12 Arten deckte sich die Bielefelder Einschätzung nur mit einer der drei Vergleichsdatensätze (Amsel, Elster, Rotkehlchen, Zaunkönig, Kleiber, Hausrotschwanz, Singdrossel, Graureiher, Tannenmeise, Goldammer, Fasan, Wacholderdrossel). Bei 21 Arten gab es keinerlei Übereinstimmung mit den Vergleichsuntersuchungen.

 

Diese Reihenfolge könnte eine entsprechend zunehmende Unsicherheit der Trendbeurteilung rein auf Basis der Bielefelder Daten widerspiegeln. Denkbar sind natürlich auch lokale Abweichungen von überörtlichen Trends (wie sie z.B. auch bei einigen Rangzahlen vorkommen, vgl. Grafik 4), die jedoch vor weiteren Schlussfolgerungen näher durchleuchtet werden müssten. Für alle anderen Arten sind die Datenreihen zu lückenhaft oder die Häufigkeiten zu gering, um Trends für Bielefeld abbilden und vergleichen zu können.

 

Zusammenfassung

  • Lang-, mittel- oder kurzfristige Gewinner in Bielefeld (in Übereinstimmung mit mindestens einem Vergleichsdatensatz) sind: Ringeltaube, Rotkehlchen, Bunt- und Grünspecht sowie Kolkrabe (Reihenfolge nach Beobachtungshäufigkeit).
  • Verlierer in Bielefeld sind hingegen: Amsel, Elster, Grünfink, Mauersegler, Zaunkönig, Hausrotschwanz, Mehlschwalbe, Singdrossel, Graureiher, Tannenmeise, Goldammer, Fasan, Girlitz, Bluthänfling und Wacholderdrossel. Da Kolkrabe, Graureiher und Fasan keine typischen Siedlungsarten sind, ist bei ihnen die Aussagekraft weniger scharf.
  • Weitgehend stabile Bestände zeigen Türkentaube, Dohle, Kleiber, Straßentaube, Gartenbaumläufer, Rauchschwalbe und Gartengrasmücke. Somit sind die „Verlierer“ eindeutig in der Überzahl!
  • Bei allen anderen beobachteten Arten weichen die Trends in Bielefeld von allen zitierten Vergleichsdaten ab, oder ihre bisherigen Beobachtungszahlen (Stand 2020) bei der „Stunde der Gartenvögel“ lassen keine Trendaussagen für Bielefeld zu.

Presseberichte zur Bielefelder Stunde der Gartenvögel

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Neue Westfälische am 6. Mai 2020: Volkszählung der Gartenvögel
NW-2020-05-06_Volkszaehlung-der-Gartenvo
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Neue Westfälische am 19. Mai 2017: Gartenvögel rufen um Hilfe
NW-2017-05-19_Gartenvoegel-rufen-um-Hilf
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Neue Westfälische am 10. Mai 2017: Eine Stadt zählt ihre Vögel
NW-2017-05-10_Eine-Stadt-zaehlt-ihre-Voe
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