Stunde der Wintervögel: Ergebnisse aus Bielefeld

Seit 2011 ruft der NABU bundesweit zur Zählung der Wintervögel über jeweils eine Stunde am ersten Januarwochenende auf. Zählpunkte können im Siedlungsraum z.B. Garten, Balkon, Fenster oder Stadtpark sein.

Die Zählaktion erfreut sich zunehmender Beliebtheit, auch in Bielefeld. 2021 (Eingabestand vom 19.1.2021) wurden neue Rekorde aufgestellt: 1078 Beobachter*innen zählten an 773 Orten (wohl meist Gärten oder wohnungsnahe Grünanlagen) und erfassten dabei 21.889 Vögel von 71 Arten mit durchschnittlich 28,3 Individuen pro Zählpunkt. Im 11jährigen Mittel wurden in Bielefeld 34,4 Vogelindividuen pro Zählpunkt festgestellt. Insgesamt wurden bei den Zählungen dieser 11 Jahre etwa 85 Vogelarten in Bielefeld beobachtet (wahrscheinliche Fehlbestimmungen nicht berücksichtigt). Bundesweit erfassten in diesem Jahr fast 230.000 Beobachter*innen an knapp 160.000 Zählpunkten über 5,5 Millionen Vögel von 196 Arten.

Grafiken 1 bis 3: Anzahl der Teilnehmer, Zählpunkte, Gesamtzahlen der beobachteten Arten und Individuen, die 40 weitverbreitetsten Wintervogelarten in Bielefeld. Zum Vergrößern anklicken!

Diese steigenden Beobachtungszahlen dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der bundesweite Verlust an Vogelindividuen auch in Bielefeld bemerkbar macht. Die Individuenzahl pro Zählpunkt nimmt statistisch signifikant ab, im Mittel um etwa 1,4 Individuen pro Jahr – das sind jährlich gut 4% des bisherigen Durchschnittswertes (Grafik 7)! Die elfjährigen Zählergebnisse der häufigeren Arten in Bielefeld zeigen etwa gleich viele Arten mit abnehmenden und stabilen Bestandstrends, aber nur sehr wenige mit positiver Bestandsentwicklung (Grafiken 4 bis 6).

Grafiken 4 bis 7: Wintervögel in Bielefeld mit stabilem / abnehmendem / zunehmendem Trend; Rückgang der Individuenzahl pro Zählpunkt (Hinweis: die lineare Trendlinie aus MS-Excel entspricht nicht der Regressionsgeraden). Zum Vergrößern anklicken!

Mögliche Gründe für den insgesamt negativen Trend sind:

1) der allgemeine Rückgang der Vogelindividuen bei den Brutvögeln in Deutschland

2) speziell bei den Wintervögeln im Siedlungsbereich: die zunehmend milden Winter und der damit verbundene Rückgang der Wintergäste aus Nord- und Osteuropa.

 

Zu 1) Etwa 7 Millionen Brutpaare verschwanden zwischen 1992 und 2016 in Deutschland, das sind etwa 14 Millionen Vögel! Bei einem aktuellen Bestand in Deutschland von etwa 85,6 Mio. Revieren/Brutpaaren war das fast ein Zehntel aller Vögel (Weitere Informationen: Gerlach, Dröschmeister, Langgemach et al. 2019: Vögel in Deutschland – Übersichten zur Bestandssituation. DDA, BfN, LAG VSW, Münster).

 

Zu 2) Die Gruppe der klassischen Wintergäste (Arten, die bei uns gar nicht, nur ausnahmsweise oder zumindest relativ selten brüten: Wacholderdrossel, Birken- und Erlenzeisig, Bergfink, Nebelkrähe, Gänsesäger, Rotdrossel, Kornweihe) zeigt einen deutlich negativen Trend (Grafik 8). Die Invasionsvögel (Tannenhäher, Seidenschwanz, Fichtenkreuzschnabel) fallen hierbei nicht ins Gewicht (Grafik 8). Allerdings belegen die Beobachtungszahlen (noch) keinen umgekehrten Trend: die früh zurückkehrenden Kurzstreckenzieher, die gelegentlich auch Überwinterungsversuche bei uns wagen (Star, Zilpzalp, Mönchsgrasmücke, Singdrossel, Hausrotschwanz, Bachstelze, Misteldrossel) bleiben insgesamt auf einem niedrigen Niveau (Grafik 8) und werden nicht zahlreicher, wie es der Klimawandel erwarten ließe. Fasst man alle kleinen Insektenfresser unter den Wintervögeln zu einer Gruppe zusammen (Heckenbraunelle, Rotkehlchen, Zilpzalp, Schwanzmeise, Zilpzalp, Mönchsgrasmücke, Hausrotschwanz, Bachstelze, Zaunkönig, Baumläufer, Wintergoldhähnchen), ergibt sich sogar eine leicht negative Tendenz (Grafik 10, grüne Kurve).

 

Aufgeschlüsselt nach Verwandtschaftsgruppen mit ähnlichen Nahrungsgewohnheiten nehmen die Meisen am stärksten ab, gefolgt von den Finken und den Drosseln (Grafik 9). Alle drei genannten Gruppen enthalten auch Wintergäste, die im Gartenumfeld wohl besonders den Winterbestand der Meisen prägen. Die Rabenvögel (Dohle, Saat-, Raben- und Nebelkrähe, Elster, Eichel- und Tannenhäher, Kolkrabe) und Spechte (Bunt-, Mittel-, Klein-, Grün- und Schwarzspecht) scheinen  dagegen als Gruppen weitgehend stabile Bestände zu haben (Grafik 10).

Grafiken 8 bis 10: Gruppentrends (Arten siehe Text) von klassischen Wintergästen, Invasionsvögeln, Kurzstreckenziehern, Insektenfressern und ausgewählten Verwandtschaftsgruppen (Hinweis: die linearen Trendlinien aus MS-Excel entsprechen nicht den Regressionsgeraden). Zum Vergrößern anklicken!

Der NABU-Bundesverband hat einen ausführlichen Ergebnisbericht über „15 Jahre Vogelzählung und Citizen Science im NABU“ veröffentlicht, mit vielen weitergehenden Auswertungen, u.a. auch zu den bundesweiten Wintervogelzählungen.

 

Die aktuellen Ergebnisse der bundesweiten Zählung 2021 finden Sie hier.

 

Presseberichte zu Wintervögeln in Bielefeld

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Neue Westfälische am 18. Januar 2021: Absturz: Nur noch halb so viele Vögel pro Garten
NW-2021-01-18_Absturz-Nur-noch-halb-so-v
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Neue Westfälische am 22. Januar 2020: Bunte Vielfalt der Bielefelder Wintervögel
NW-2020-01-22_Bunte-Vielfalt-der-Bielefe
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Neue Westfälische am 19. Januar 2016: Die große Vogelzählung
NW-2016-01-19_Die-große-Vogelzaehlung.jp
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Neue Westfälische am 4. Januar 2013: Vielfalt vor dem Küchenfenster
NW-2013-01-04_Vielfalt-vor-dem-Küchenfen
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Neue Westfälische am 27. Dezember 2010: Stunde der Wintervögel
NW-2010-12-27_Stunde-der- Wintervögel.jp
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